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Von Hippel Deutsches Strafrecht Erster Band Allgemeine Grundlagen

vata1 Als Grundform des Verbrechens gegen den Einzelnen im alten Rom erscheint daß parricidium (Tötung der von der Gemeinde geschützten Person, MOMMSEN: a. a. 0., 4/5; dazu näher HITZIG: a. a. 0., 37; ferner unten § 8), während furtum sowie Körperverletzung und Sachbeschädigung gemeinsam als iniuria Privatdelikte sind. Für die Germanen vgl. unten § 11. ). Mit ihrem Schwinden erweitert sich der Kreis der öffentlichen Delikte. Bei HAMMURABI finden wir bereits ein voll durchgeführtes öffentliches Strafrecht mit einer ausgedehnten Reihe von Deliktstatbeständen2 Darstellung bei KOHLER, PEISER, HAMMURABI: I, S. 126 ff.; ferner STOOSS in Schweiz. Z. f. Straf recht, Bd. 16, 1903. .

IX. Als herrschende Strafen schwerer Missetat finden wir Friedloslegung3 Über Friedlosigkeit und deren Abschwächungen vgl. POST: a. a. 0. I, 353, II, 248. Die germanische Friedlosigkeit erscheint nach BRUNNER (bei MOMMSEN: S. 57/59/61; Rechtsgeschichte I, § 23, II, §§ 132/33) noch in vollster Strenge als Todesurteil einer Rechtsgemeinschaft mit allgemeiner Hilfepflicht. Der Geächtete s o l l verfolgt werden. Die Ächtung ergreift zugleich das Vermögen, das der Wüstung oder Fronung (Einziehung) unterliegt. (Ächtung) und Todesstrafe4 Über ihre mannigfachen Arten POST: a. a. O. II, 265ff. Für die Germanen TACITUS: cap. 12, vgl. unten § 11. . Die Friedlosigkeit entspricht der früheren Ausstoßung aus der Sippe (oben S. 41/42)5 So auch GOLDZIEHER bei MOMMSEN: S. 112 für die Verbannung des Islam . WENGER bei HINNEBERG: S. 280. , die Todesstrafe führt m. E. auf die Blutrache zurück, als deren Abschwächung sie erscheint6 Beweis insbes.: Die Ubergangsform der Talio, oben S. 44—46; dazu über die spiegelnden Todesstrafen der Germanen unten § 11. Auf Zusammenhang der Todesstrafe mit der Blutrache verweisen auch MOMMSEN: a. a. 0., S. 6; FREUGENTHAL: S. 16; WILAMOWITZ: S. 28. . Die Friedlosigkeit entsteht also, wie ich glaube, aus dem internen, die Todesstrafe aus dem externen Strafrecht der alten privatrechtlichen Zeit (vgl. oben S. 40/42)7 BRUNNER (Rechtsgeschichte, a. a. 0., ferner Abspaltungen d. Friedlosigkeit, 1890, in SAVIGNY: Z. Germ. Abt. XI, 62ff., abgedruckt in Forschungen, S. 244ff.) betrachtet die Todesstrafe als Abspaltung der Friedlosigkeit. Das könnte allgemein nur richtig sein, wenn sich universalhistorisch dartun ließe, daß die Friedlosigkeit die zeitlich ältere Form beider Strafen ist. Solcher Nachweis fehlt, er scheint mir auch für die Germanen von BRUNNER nicht erbracht zu sein (vgl. noch unten § 11). Sachlich ist die Todesstrafe nicht ein minus (so BRUNNER: Forschungen, S. 457), sondern ein aliud gegenüber der Friedlosigkeit. Ein minus allerdings, sofern die Friedlosigkeit auch Wüstung bzw. Fronung enthält, ein ganz entscheidendes plus aber, weil dem Geächteten regelmäßig die Flucht bleibt (er wird vogelfrei, vargus, Wolfsgänger), dem zum Tode Verurteilten nicht.Geradezu auf den Kopf stellt BINDING die Dinge (Entstehg. d. öffentl. Strafe, 1909 S. 21) mit der Behauptung, die Friedlosigkeit sei bei den Germanen die notwendige Voraussetzung jeder zulässigen Rache gewesen.(Also die zeitlich spätere öffentlich-rechtliche Reaktion Voraussetzung der ursprünglichen, privatrechtlichen!) Über Ächtung in Griechenland und Rom vgl. WBNGER: a. a. 0., S. 280; MOMMSEN (Röm. Strafr., 934ff.). .

 

1 Als Grundform des Verbrechens gegen den Einzelnen im alten Rom erscheint daß parricidium (Tötung der von der Gemeinde geschützten Person, MOMMSEN: a. a. 0., 4/5; dazu näher HITZIG: a. a. 0., 37; ferner unten § 8), während furtum sowie Körperverletzung und Sachbeschädigung gemeinsam als iniuria Privatdelikte sind. Für die Germanen vgl. unten § 11.

2 Darstellung bei KOHLER, PEISER, HAMMURABI: I, S. 126 ff.; ferner STOOSS in Schweiz. Z. f. Straf recht, Bd. 16, 1903.

3 Über Friedlosigkeit und deren Abschwächungen vgl. POST: a. a. 0. I, 353, II, 248. Die germanische Friedlosigkeit erscheint nach BRUNNER (bei MOMMSEN: S. 57/59/61; Rechtsgeschichte I, § 23, II, §§ 132/33) noch in vollster Strenge als Todesurteil einer Rechtsgemeinschaft mit allgemeiner Hilfepflicht. Der Geächtete s o l l verfolgt werden. Die Ächtung ergreift zugleich das Vermögen, das der Wüstung oder Fronung (Einziehung) unterliegt.

4 Über ihre mannigfachen Arten POST: a. a. O. II, 265ff. Für die Germanen TACITUS: cap. 12, vgl. unten § 11.

5 So auch GOLDZIEHER bei MOMMSEN: S. 112 für die Verbannung des Islam . WENGER bei HINNEBERG: S. 280.

6 Beweis insbes.: Die Ubergangsform der Talio, oben S. 44—46; dazu über die spiegelnden Todesstrafen der Germanen unten § 11. Auf Zusammenhang der Todesstrafe mit der Blutrache verweisen auch MOMMSEN: a. a. 0., S. 6; FREUGENTHAL: S. 16; WILAMOWITZ: S. 28.

7 BRUNNER (Rechtsgeschichte, a. a. 0., ferner Abspaltungen d. Friedlosigkeit, 1890, in SAVIGNY: Z. Germ. Abt. XI, 62ff., abgedruckt in Forschungen, S. 244ff.) betrachtet die Todesstrafe als Abspaltung der Friedlosigkeit. Das könnte allgemein nur richtig sein, wenn sich universalhistorisch dartun ließe, daß die Friedlosigkeit die zeitlich ältere Form beider Strafen ist. Solcher Nachweis fehlt, er scheint mir auch für die Germanen von BRUNNER nicht erbracht zu sein (vgl. noch unten § 11). Sachlich ist die Todesstrafe nicht ein minus (so BRUNNER: Forschungen, S. 457), sondern ein aliud gegenüber der Friedlosigkeit. Ein minus allerdings, sofern die Friedlosigkeit auch Wüstung bzw. Fronung enthält, ein ganz entscheidendes plus aber, weil dem Geächteten regelmäßig die Flucht bleibt (er wird vogelfrei, vargus, Wolfsgänger), dem zum Tode Verurteilten nicht.Geradezu auf den Kopf stellt BINDING die Dinge (Entstehg. d. öffentl. Strafe, 1909 S. 21) mit der Behauptung, die Friedlosigkeit sei bei den Germanen die notwendige Voraussetzung jeder zulässigen Rache gewesen.(Also die zeitlich spätere öffentlich-rechtliche Reaktion Voraussetzung der ursprünglichen, privatrechtlichen!) Über Ächtung in Griechenland und Rom vgl. WBNGER: a. a. 0., S. 280; MOMMSEN (Röm. Strafr., 934ff.).


Kapitel 2, § 7 Allgemeiner Entwicklungsgang 49