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Von Hippel Deutsches Strafrecht Erster Band Allgemeine Grundlagen

bis zum corpus iuris Justinians (Digesten 533, Codex 534)1 Das Strafrecht insbes. in Dig. lib. 47, 48 (libri terribiles) und in Cod. lib. 9. Über die Quellen des röm. Strafrechts überhaupt vgl. HITZIG : a. a. 0., 183ff. umfaßt einen Zeitraum von annähernd 1300 Jahren. Für die Rezeption in Deutschland kommt vor allem der Zustand der Kaiserzeit in Betracht. Zu seinem Verständnis aber bedarf es notwendig des Überblicks über die frühere Entwicklung.

I. Die ältere Zeit.

1. Im römischen Strafrecht ist bereits zu Beginn unserer geschichtlichen Kenntnis die öffentlich-rechtliche Auffassung durchgedrungen. Deutlich aber tritt noch eine ältere, privatrechtliche Anschauung zutage. Ich hebe in dieser Richtung hervor: Innerhalb der Familie, also im internen Strafrecht2 Vgl. dazu oben S. 41, Anm. 5. , finden wir die rechtlich unbeschränkte, bis zum ius vitae ac necis gehende Strafgewalt des pater familias3 Vgl. dazu MOMMSEN: S. 16—26, 898 (Hauszucht). Die schrankenlose Gewalt des Hausherrn erscheint nach MOMMSEN als Keimzelle des öffentlichen Strafrechts, insbes. der ursprünglich gleich unbeschränkten Strafgewalt des Magistrats Die Hauszucht besteht dann, teils konkurrierend teils ergänzend, neben dem staatlichen Strafrecht fort. Erst in der Kaiserzeit wird das Recht der Tötung von Kindern und Sklaven allmählich beschränkt (unten S. 65, Anm. 3). Frühzeitig schwächt sich die Hauszucht gegenüber dem Weibe ab, bleibt hier aber insbes. wirksam bei Geschlechtsvergehen. Erst Augustus setzt staatliches Einschreiten bei adulterium und stuprum an ihre Stelle. —Eingehend über die Hausgewalt JHERING: Geist, II, 161 ff., insbes. auch über die tatsächliche Milderung des Rechts durch die Sitte. M. E. mit Recht erklärt sich JHERING, S. 165, gegen die (jetzt auch bei MOMMSEN auftretende) Herleitung der Hauszucht aus dem Gesichtspunkt des Eigentums, da durch nichts erwiesen sei, daß der Begriff des Eigentums geschichtlich dem der hausherrlichen Gewalt vorausgehe. JHERING betrachtet beide als Abzweigungen eines gemeinsamen Grundbegriffs. Das ist unklar. Bei der Hauszucht handelt es sich um Strafrecht innerhalb der Sippe; vgl. oben S. 41/42. , die praktisch auch in der Form der relegatio aus Rom eine bedeutende Rolle spielt4 MOMMSEN: S. 23. Vgl. dazu über die Ausstoßung aus der Sippe oben S. 42. Erst in der Kaiserzeit wird die Relegation aus der Hauszucht in das öffentliche Strafrecht übernommen. Über Strafbefugnisse der gens unten S. 56, Anm. 8. .

 

1 Das Strafrecht insbes. in Dig. lib. 47, 48 (libri terribiles) und in Cod. lib. 9. Über die Quellen des röm. Strafrechts überhaupt vgl. HITZIG : a. a. 0., 183ff.

2 Vgl. dazu oben S. 41, Anm. 5.

3 Vgl. dazu MOMMSEN: S. 16—26, 898 (Hauszucht). Die schrankenlose Gewalt des Hausherrn erscheint nach MOMMSEN als Keimzelle des öffentlichen Strafrechts, insbes. der ursprünglich gleich unbeschränkten Strafgewalt des Magistrats Die Hauszucht besteht dann, teils konkurrierend teils ergänzend, neben dem staatlichen Strafrecht fort. Erst in der Kaiserzeit wird das Recht der Tötung von Kindern und Sklaven allmählich beschränkt (unten S. 65, Anm. 3). Frühzeitig schwächt sich die Hauszucht gegenüber dem Weibe ab, bleibt hier aber insbes. wirksam bei Geschlechtsvergehen. Erst Augustus setzt staatliches Einschreiten bei adulterium und stuprum an ihre Stelle. —Eingehend über die Hausgewalt JHERING: Geist, II, 161 ff., insbes. auch über die tatsächliche Milderung des Rechts durch die Sitte. M. E. mit Recht erklärt sich JHERING, S. 165, gegen die (jetzt auch bei MOMMSEN auftretende) Herleitung der Hauszucht aus dem Gesichtspunkt des Eigentums, da durch nichts erwiesen sei, daß der Begriff des Eigentums geschichtlich dem der hausherrlichen Gewalt vorausgehe. JHERING betrachtet beide als Abzweigungen eines gemeinsamen Grundbegriffs. Das ist unklar. Bei der Hauszucht handelt es sich um Strafrecht innerhalb der Sippe; vgl. oben S. 41/42.

4 MOMMSEN: S. 23. Vgl. dazu über die Ausstoßung aus der Sippe oben S. 42. Erst in der Kaiserzeit wird die Relegation aus der Hauszucht in das öffentliche Strafrecht übernommen. Über Strafbefugnisse der gens unten S. 56, Anm. 8.


Kapitel 2, § 8 Das römische Strafrecht 55