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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

führung den ersten Anfang überschritten hat, und bleibt auch dann eine gelindere gegen die Strafe der vollendeten Handlung. Doch bestehen hier mannigfache Unterschiede in dem Rechte und der Moral der einzelnen Länder und verschiedenen Zeitalter. Im bürgerlichen Recht wird dagegen die unvollendete Handlung nicht als eine solche betrachtet. Sind Belohnungen mit einer That verknüpft, so wird meist der Versuch gleich der vollendeten Handlung belohnt, wenn die Vollendung nicht durch den eigenen Willen des Handelnden gehindert worden ist. In der Moral gilt meist der gute Wille der That gleich; ein Satz, den Kant sogar a priori beweist.
9. Die im Recht und der Moral bei mangelhaften Handlungen auftretenden Fragen werden unter den Begriff der Zurechnung zusammengefasst. Eine Handlung wird dem Urheber zugerechnet, heisst, dass die Folgen für ihn eintreten sollen, welche das Recht oder die Moral an solche Handlung geknüpft hat; seien es Rechte oder Pflichten, Strafen oder Belohnungen, in dieser oder jener Welt. Ist die Handlung vollständig, so versteht sich diese Folge von selbst, die Frage der Zurechnung wird erst zweifelhaft, wenn die Handlung mangelhaft ist, In dieser Form gestellt, lässt die Frage nur eine bejahende oder verneinende Antwort zu, und so wird sie im bürgerlichen Recht auch meist entschieden. Die Handlung ist entweder rechtsgültig, wirksam oder nicht. Allein bei den Strafen und Belohnungen kann der Mangel der Handlung auch eine Wirkung auf das Maass jener haben, und in diesem Sinne kann man von Graden der Zurechnung sprechen. Der in der Rechtswissenschaft bestehende Streit über Zurechnungsfähigkeit und Zurechnung ist daher nur ein Wortstreit.
10. Insofern die vollständige Handlung zugleich eine freie gilt, fällt ein grosser Theil der mangelhaften Handlungen unter den Begriff der unfreien; insbeson- | dere gilt dies von den Mängeln im Beweggrunde und im Wollen. Dieser Begriff ist aber erst aus den Bestimmungen über die einzelnen Fälle gebildet und kann deshalb nicht umgekehrt benutzt werden, um aus ihnen die Frage nach der Zurechnung zu entscheiden; vielmehr muss immer auf die vorhandenen positiven Gebote für die einzelnen Verhältnisse zurückgegangen werden. Ueber-

 

I. Das Handeln - C. Das mangelhafte Handeln 22