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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

Geehrte vor ihnen besitzt. Welcher Art dieser Vorzug ist, hängt ganz von der Meinung und den Sitten der Andern ab. Unter Studenten bringt die Stärke im Biertrinken Ehre; unter Offizieren die Gewandtheit im Duell; unter Mädchen, die Erste im Tanze zu sein. Unter Dieben bringt die Geschicklichkeit im Stehlen und unter Hofleuten die Geschicklichkeit im Schmeicheln Ehre. Der Genuss aus der Ehre ist in all diesen Fällen derselbe und höchstens im Grade verschieden. Die äussern Zeichen, durch welche die Anerkennung kund gegeben wird, wechseln nach den Ländern und Zeiten, sind aber an sich gleichgültig. Ein Lorbeerkranz bei den Griechen gewährte dieselbe Lust, wie ein seidenes Band von der Dame beim Turnier im Mittelalter, und wie ein Orden oder Titel in der Gegenwart. Der Gegensatz der Ehre ist die Schande, d. h. der Schmerz, in Bezug auf einen Vorzug unter die Andern gestellt zu sein. Zwischen beiden besteht die Gleichheit mit den Andern, welche von den Juristen als die gemeine Ehre erklärt wird. Sie dient nur als Massstab für die Verletzung der Ehre, ohne selbst eine Quelle der Lust zu sein.
10. Die Lust aus fremder Lust und der Schmerz las fremdem Schmerz ist das, was gemeinhin Liebe genannt wird. Aristoteles sagt (Rhetor. 2, 4): „Lieben „ist, dass wir für Jemand das wollen, was er für gut „hält, und zwar seinetwegen, nicht unsertwegen." Noch treffender sagt Leibnitz (Nouveaux essais II. 20 §.4): „Liebe ist die Empfänglichkeit für die eigene Freude an „der Vollkommenheit, dem Wohl oder Glück des geliebten „Gegenstandes." Die Lust des Andern wird hier Zweck, weil sie die Ursache der eigenen Lust ist. In dieser Verknüpfung von Gegensätzen liegt das Wunderbare der Liebe. Man kann als ihr Ziel ebenso gut das fremde Wohl wie die eigene Lust setzen. Deshalb erzeugt die Liebe eine so innige Verbindung, und die Liebe ist deshalb von jeher für Philosophen und Dichter, welche das Ueberschwängliche liebten, eine unerschöpfliche Fundgrube gewesen für geistreiche, d. h. den Widerspruch enthaltend: Aussprüche.
11. Bei einer nüchternen Beobachtung verschwinden diese Wunder der Liebe; es bleibt die hier gegebene Definition, welche nicht mehr Wunderbares hat, als jede

 

II. Die Gefühle der Lust - B. Die Ursachen der Lustgefühle 31