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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

der Gefühle überhaupt keine Gesetzlichkeit bestehe und deshalb alle aus der Lust abgeleiteten Prinzipien keine objektive oder allgemeine Geltung haben. Diese Vernachlässigung ist um so auffallender, da viele im Leben oder in der Wissenschaft umlaufenden Begriffe ohne die Lehre von der Empfänglichkeit weder verstanden noch definirt werden können.
14. So sind die Neigungen weder ein Fühlen, noch ein Wollen noch ein Handeln; sie sind nur eine gesteigerte Empfänglichkeit für bestimmte Ursachen der Lust. Die Schwächen oder schwachen Seiten eines Menschen bezeichnen dasselbe. Indem die aus diesen Ursachen für ihn hervorgehende Lust einen höhern Grad als bei. Andern erreicht, werden die sittlichen Gebote von ihm hier am leichtesten verletzt, und der Mensch kann hier am leichtesten von Andern nach ihrem Willen geleitet werden.
15. Auch die Temperamente bezeichnen wesentlich diese Unterschiede in der Empfänglichkeit für die Gefühle, neben dem Unterschied in der Beharrlichkeit derselben. Der Sanguiniker ist leicht zu erregen (d.h. von reizbarer Empfänglichkeit), aber sein Gefühl ist nicht beharrlich. Der Cholerische ist leicht erregbar und auch beharrlich. Der Phlegmatiker ist schwer erregbar, aber nicht beharrlich. Der Melancholische ist schwer Erregbar, aber beharrlich. Man kann auch die Temperamente nach der verschiedenen Empfänglichkeit für Lust und Schmerz unterscheiden. In diesem Sinne ist der Sanguiniker mehr für die Lust, der Melancholische mehr für den Schmerz empfänglich. Die Begriffe der Temperamente sind jetzt weniger im Gebrauch, und mit Recht, weil eine solche allgemeine Empfänglichkeit nur selten besteht, vielmehr alle Temperamente, je nach den Ursachen und Arten der Lust bei demselben Menschen zugleich bestehn können.
16. Auch der Charakter hat ein natürliches Element und ist nicht, wie Kant und Andere meinen, ein rein sittlicher Zustand. Insoweit die Empfänglichkeit für bestimmte Ursachen der Gefühle eine feste und beharrliche ist, bildet sie den natürlichen Bestandtheil des Charakters. Deshalb spricht man von gutmüthigen, von rachsüchtigen, von boshaften Charakteren, welche mit sittlichen Beweggründen nichts zu thun haben.

 

II. Die Gefühle der Lust - C. Die Empfänglichkeit 41