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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

17. Die Affekte und Leidenschaften sind Zustände, in denen Gefühle und Begehren zugleich auftreten; auch sie hängen mit der Empfänglichkeit zusammen. Die Affekte entspringen aus sehr starken äussern Ursachen der Gefühle; die Leidenschaft beruht auf der dauernden, Empfänglichkeit für gewisse Arten der Lust. Deshalb sind die Affekte starke, aber vorübergehende Erregungen; die Leidenschaften sind weniger heftig, schliessen deshalb die ruhige Ueberlegung nicht, wie jene, aus, aber sie dauern länger.

D. Die Wirkungen der Lustgefühle.

1. Die bedeutendste Wirkung der Gefühle geht auf den Willen. Das Gesetz dafür ist bereits oben (S. 5) dargelegt. Allein Lust und Schmerz haben hier die entgegengesetzte Wirkung; die vorgestellte (nicht seiende) Lust weckt das Begehren; die daseiende erlöscht es; der daseiende Schmerz weckt das Begehren; der erloschene (nicht-seiende) Schmerz ist ohne Begehren. Die zeitliche Dauer der Begehren ist deshalb von dem Sein des Schmerzes und von dem Nichtsein der Lust bedingt.
2. Falsch ist die Meinung Locke's und Anderer, dass jedes Begehren vor seiner Erfüllung den Schmerz enthalte, und dass die Lust nur die Erfüllung des Begehrens oder die Aufhebung dieses Schmerzes sei. Das Begehren ist, als solches, weder Lust noch Schmerz; es hat diese Gefühle nur zur Ursache oder zum Ziele. Insofern das Begehren nicht von dem daseienden Schmerz erweckt ist, sondern nur auf Verwirklichung einer Lust abzielt, ist das Begehren vor seiner Erfüllung nicht allein frei von Schmerz, sondern sogar von der Lust aus der kommenden Lust des Zieles begleitet, wenn die Verwirklichung sich als wahrscheinlich herausstellt.
3. Die Gefühle zeigen in vielen Fällen auch eine Wirkung auf die Kräfte des Körpers und der Seele, so wie auf die Gesundheit von Beiden. In der Regel wird Beides durch die Lust erhöht und durch den Schmerz gemindert. Daraus sind die oben erwähnten Definitionen dieser Gefühle entstanden. Abgesehn davon, dass diese Definitionen sich nicht mit den Gefühlen, sondern nur mit

 

II. Die Gefühle der Lust - D. Die Wirkungen der Lustgefühle 42