text-o-res

Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

beanspruchen; nur der stärkere Grad und die längere Dauer, aber nicht die Art der Lust kann hier einen Vorzug begründen. Es steht deshalb die sinnliche Lust jeder andern gleich, und Systeme, welche das Sittliche nur auf die Lust gründen, verfallen in Einseitigkeit, wenn sie einer Art der Lust den Vorrang vor der andern zusprechen. Dies trifft selbst Plato, Aristoteles und Spinoza, welche die Lust aus dem Wissen des Allgemeinen (Philosophie) jeder andern Lust im Werthe voranstellen. Wenn kein Werthmesser ausser der Lust besteht, so kann aus dieser selbst kein Unterschied für den höhern Wert einzelner Arten abgeleitet werden. Ein Volk, in welchem Jeder dieser Lust ans der Philosophie nachstreben wollte, würde vielmehr sogar die Mittel für diese Lust zuletzt nicht mehr besitzen.
11. Die Gefühle haben auch eine Wirkung auf das Denken; sie können zwar nicht unmittelbar seinen Gang bestimmen, allein mittelbar dadurch, dass sie die Vorstellung, mit welcher sie sich verbinden, im Grade verstärken, und damit sie zu der erheben, welche den Fortgang der Gedanken und den Eintritt neuer Vorstellungen bestimmt. Deshalb weckt das Angenehme oder Unangenehme, oder Interessante die Aufmerksamkeit und bestimmt die Gedanken-Bewegung. Die Fülle der zufliessenden Vorstellungen ist hier am grössten, und das Trennen, Verbinden und Beziehen derselben am thätigsten. Es ist deshalb nichts verkehrter, als die Behauptung so vieler Systeme, dass die Lust oder die Triebe das Vernunftlose seien; vielmehr steht das Denken in all seinen Richtungen den Lustgefühlen ebenso zu Gebote, wie den sittlichen Gefühlen.
12. Aus dieser Macht und aus der Fähigkeit, die verschiedenen Arten der Gefühle gegen einander abzuwägen und danach den Willen zu bestimmen, besteht die menschliche Klugheit. Sie ist kein blosses Wissen, sondern auch eine Fähigkeit, den Willen und das Handeln nach den Ergebnissen der Abschätzung der Lustgefühle zu bestimmen. In der Klugheit ist besonders enthalten, dass das erst kommende Gefühl mit der gleichen Sorgfalt und Unparteilichkeit wie das gegenwärtige erwogen und abgeschätzt wird. Spinoza sagt (Ethik IV. L. 66): „In „Leitung der Vernunft zieht man das grössere zukünftige „Gut dem kleineren gegenwärtigen vor und begehrt ein

 

II. Die Gefühle der Lust - D. Die Wirkungen der Lustgefühle 46