text-o-res

Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

III. Die Gefühle der Achtung.

A. Das Wesen der Achtung.

1. Mit Achtung wird hier, in Ermangelung eines ] bessern Wortes, das bezeichnet, was man im Leben „sittliches Gefühl", zum Theil auch „Gewissen" nennt. Es ist damit schon sprachlich anerkannt, dass neben den Lustgefühlen noch ein anderer Beweggrund für das Handeln im Menschen besteht, der sich wesentlich von jenen unterscheidet. Die eudämonistischen Systeme leugnen dies. Es ist also zunächst das Dasein dieses Beweggrundes darzulegen; aus seiner nähern Betrachtung wird sich das Sittliche ergeben.
2. Das eigenthümliche Kennzeichen des Sittlichen ist das Sollen, der kategorische Imperativ Kant's. Indem dieses Sollen sich das Sein unterordnet, kann es anscheinend aus diesem nicht abgeleitet, noch widerlegt werden; das Sollen bleibt, wie Kant sagt, unerschüttert davon, ob es sich verwirklicht oder nicht. Bei dieser Selbstständigkeit scheint es deshalb unmöglich, das Soll aus dem Ist zu begründen; es schwebt unerreichbar über dem Ist, und so erklärt sich, wie die meisten Systeme das Denken oder die Vernunft als die allein dafür zulässige Grundlage erachtet haben. Allein auch die Vernunft ist in diesem Sinne nur ein Ist; aus dem Dasein der Vernunft folgt nicht das Sollen des Vernünftigen. Ebenso unmöglich ist es, dieses Sollen aus dem Wollen der Lust oder den Trieben abzuleiten; die Lust erweckt nur das Wollen, aber kein Sollen; der Mensch bleibt dabei der Herr; die Lust treibt nur, aber gebietet nicht. Grotius leidet das Sittliche aus „der vernünftigen und geselligen Natur des Menschen" ab. Er verbindet also Beides, die Vernunft und den Trieb; allein, wenn keines für sich ein Soll begründen kann, so können sie es auch nicht zusammen. In dem sittlichen Soll wird die unbedingte Unterwerfung des Ich's unter das Soll gesetzt.
3. Wenn die Ableitung des Soll aus dem Seienden

 

III. Die Gefühle der Achtung - A. Das Wesen der Achtung 48