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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

Beweggrund jede Berechnung und weitere Begründung ausgeschlossen; er treibt zur Handlung, rein weil sie geboten ist.
6. Es fragt sich nun, weshalb verbindet sich dieses Gefühl mit gewissen Geboten, und weshalb mit anderen nicht? Von den idealistischen Systemen wird der Grund in die Vernunft gelegt. Nur die Gebote der Vernunft sollen dieses Gefühl oder diese den Willen bestimmende Macht besitzen. Allein die Vernunft ist nur ein Denken, ein Wissen, aber kein Gebieten; sie befiehlt nie, sondern sie erkennt nur. Das Befehlen ist ein Wollen und gehört zu den seienden Zuständen der Seele; die Vernunft ist nur ein Denken und gehört zu den wissenden Zuständen derselben. Es ist deshalb ein Irrthum, wenn Kant den kategorischen Imperativ oder das Soll aus der Vernunft ableitet; er erkennt dies selbst an, indem er später die Achtungsgefühle als Vermittler zu Hülfe nimmt. Auch dient das Denken ebenso der Lust, wie diesem Beweggrunde, und wenn die Vernunft allein dieses Soll und seine Macht auf den Willen erzeugen könnte, so würden die Lehren der Klugheit sich ebenfalls in dieses Soll umwandeln, und das Böse wäre unmöglich.
7. Auch das Gesetz als solches kann dieses Soll nicht erzeugen, wie Kant meint. In seiner Allgemeinheit ist das Gesetz nur ein Wissen, was das Sollen zwar als Inhalt in sich hat, aber nur in der Form des Wissens, nicht in der Form des Seins; es ist die Vorstellung eines Gebotes, aber nicht das wirkliche Gebot selbst mit seiner Macht über den Willen. Diese Wirklichkeit kann auch hier nur durch Wahrnehmung erfasst werden; nur das wahrgenommene Gebot ist das wirksame. Ein solches ist aber ohne Gebieter unmöglich; es ist daher der wahrgenommene Gebietende der Grund der Wirksamkeit seines Gebotes; nicht das Gesetz, sondern der Gesetzgeber wirkt die Achtung, welche als Beweggrund seine Gebote befolgen macht; nicht das Allgemeine seiner Gebote, sondern die Macht und Hoheit seiner Person ist das Wirksame.
9. Die Beobachtung lehrt, dass dieses Gefühl der Achtung selbst über das sittliche Gebiet hinausreicht. Das Staunen, die Bewunderung, die Ehrfurcht, die Andacht, die Anbetung, die Heiligung, das Aufgehen in die

 

III. Die Gefühle der Achtung - A. Das Wesen der Achtung 50