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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

Entstehung des Sittlichen aus dem Natürlichen erkennt und aufzeigt, soll jenes und die ihm anhaftende Ueberzeugung seiner Unbedingtheit nicht zerstört werden. Der sittliche Glaube ist, wie der religiöse Glaube, für die Philosophie nicht eine ihr nebengeordnete Erkenntniss, sondern ihr Gegenstand; sie will dies Sittliche nicht zerstören, sondern nur erkennen.
5. Die Beobachtung, für die hiermit die Bahn auch im Sittlichen eröffnet ist, zeigt, dass dergleichen erhabene Mächte mehrere für den Menschen bestehen. Man kann sie nach dem Zeugniss der Geschichte auf vier Autoritäten zurückführen; 1) die Autorität Gottes, 2) die Autorität des Fürsten, 3) die Autorität des Volkes, als Einheit; und 4) die Autorität des Vaters gegenüber seinen unmündigen Kindern. Die unbefangene Auffassung der Völker hat von jeher den Inhalt ihrer Moral und ihres Rechts von den Geboten dieser Autoritäten abgeleitet. Die Religionsquellen stützen ihre Moral auf die ausdrücklichen Gebote Gottes; sie gilt nur, weil Gott es so geboten hat. Die Fürsten gelten um so mehr als Quelle des Sittlichen, je unbeschränkter und grösser ihre Gewalt gegenüber den Einzelnen des Volkes ist. Dies entspricht ganz dem oben gegebenen Prinzip. Deshalb ist die Autorität des Fürsten vorzüglich in dem Beginne der Geschichte und bei rohen und despotisch regierten Völkern die Quelle des Sittlichen; sie versiegt später nur, weil der Fürst durch die Macht des Volkes beschränkt und seine Autorität damit erschüttert wird.
6. Die Autorität des Volkes steigt mit der Abnahme der Autorität des Fürsten; sie wird bei den in der Kultur vorschreitenden Völkern allmählich die überwiegende, von der das vorhandene Sittliche zwar nicht alles ausgegangen ist, aber von der es in der Gegenwart getragen und in seiner Fortbildung geleitet wird. Die Autorität des Vaters kann dem obigen Prinzip gemäss nur wirken gegenüber den schwachen, seiner Macht unterworfenen Kindern. Für die erwachsenen Kinder sind seine Gebote keine Quelle des Sittlichen mehr; der Vater kann deshalb kein Sittliches für die Erwachsenen begründen, wie dies bei den drei anderen Autoritäten der Fall ist; seine Wirksamkeit besteht nur darin, dass seine Autorität für

 

III. Die Gefühle der Achtung - B. Die Ursachen der Achtungsgefühle 54