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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

steht diese Meinung mit den Unterschieden im Inhalte des Sittlichen verschiedener Völker und verschiedener Zeiten in geradem Widerspruch. Dieser Unterschied trifft nicht blos Aeusserliches, Nebensächliches, wie man oft behauptet, sondern er dringt bis in die wichtigsten Bestimmungen der Ehe, der Familie, des Staats und der einzelnen Tugenden ein und ist mit einem ewigen und unveränderlichen Inhalt des Sittlichen unvereinbar.
12. Sehr belehrend ist für diese Frage der Streit, welcher schon von den Scholastikern geführt wurde und sich bis zu Kant fortgesetzt hat: Ob ein Gebot sittlich sei, weil es Gott gebiete, oder: Ob Gott es gebiete, weil es sittlich sei. Es ist dies die hier vorliegende Frage: Ob das Sittliche das Ursprüngliche sei, oder ob es erst aus der Autorität Gottes durch sein Gebot entstehe. Viele Scholastiker setzten die lex aeterna als das erste und „antecedenter ad voluntatem divinam". Man behauptete, dass die Unterschiede von Recht und Unrecht bleiben würden, auch wenn es keinen Gott gäbe. Grotius und Leibnitz traten dem bei; Pufendorf und Thomasius traten dem entgegen; ohne die Impositio eines Oberherrn, sagten diese, gäbe es kein Gutes und Böses; das Sittliche habe der Mensch nicht „ex immutabili quasi natura", sondern "ex beneplacito divino". Allein Pufendorf blieb sich nicht treu und verlangte wieder, dass der Oberherr, von dem die Verbindlichkeit ausgehe, nicht blos die Macht, sondern auch "justas causas et rationes" habe. Dann bleibt, wie Stahl richtig bemerkt, für Gott nur die Rolle eines Deus ex machina.
13. Stahl (Rechtsphilosophie II.S.85, Aufl.III.) fühlte die Schwierigkeit dieser Frage; sein Scharfsinn hatte ihm den engen Zusammenhang des Sittlichen mit der Autorität gezeigt, und doch sträubte sich sein sittliches Gefühl gegen das blosse „bene placitum" derselben. Er griff deshalb zu der Aushülfe, das Sittliche und den Willen Gottes als identisch zu setzen. Er sagt: „Die Heiligkeit Gottes ist dem göttlichen Willen so wenig vorausgehend als nachfolgend, sondern sie ist dieser Wille selbst. Oder das Gute ist ebensowenig ein Gesetz für den göttlichen Willen als eine Schöpfung dieses Willens; sondern es ist eben selbst das Urwollen Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit." Stahl glaubt damit die Schwierigkeit überwunden zu

 

III. Die Gefühle der Achtung - B. Die Ursachen der Achtungsgefühle 58