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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

Selbst ein so klarer Kopf, wie Savigny, wich hier vor einer Ableitung des Rechts aus dem Thatsächlichen zurück und zog es vor, sich in schwankenden und schillernden Begriffen zu halten.

B. Die Gestaltung der Moral.

1. Die Moral hat sich zu einzelnen Tugenden gestaltet; in diesen Tugenden, deren Zahl sehr gross ist und durch Besonderung willkürlich vergrössert werden kann, ist der Inhalt der Moral enthalten. Die Moral bietet zwar auch Bestimmungen über die Ehe, die Familie, den Staat, über Eigenthum und Verträge u. s. w., allein näher betrachtet, wiederholen diese nur den Inhalt jener allgemeinen Tagenden in Anwendung auf solche besondere Verhältnisse, und das Neue besteht dabei höchstens darin, dass hier diese, dort jene Tugend über die andere gestellt, und die übrigen in ihrer Geltung zum Vortheil jener beschränkt werden.
2. Das Handeln, was die einzelnen Tugenden fordern, bestand schon vor ihnen als eine Gewohnheit oder Uebung (habitus) auf Grund des Nutzens und der Klugheit. Ein muthiges und tapferes Handeln gegen die feindlichen Stämme, Arbeitsamkeit, Mässigung in den Trieben, Pflege der Gesundheit, Unterstützung der Hülfsbedürftigen in der Familie und in dem eigenen Stamm wurden bereits aus den Motiven der Nützlichkeit und der Lust geübt, bevor sie durch den Vater und später durch die andern Autoritäten geboten und damit zu einem Sittlichen erhoben wurden. Die Tugenden stehen daher bei allen Völkern in einer Verbindung mit dem Nutzen, und die Gebote der Tugenden erhalten ihren nähern Inhalt und selbst ihre Verständlichkeit nur aus dieser Verbindung. Das Motiv der Lust hat nicht blos die materielle Grundlage für die Tugenden geschaffen, sondern es wirkt auch nach Eintritt derselben fort und hilft die tugendhafte Handlung im Einzelnen bestimmen.
3. Darauf beruht der Unterschied der Pflicht von der Tugend. In der Tugend ist diese natürliche Unterlage anerkannt; die Tugend gilt deshalb seit Aristoteles gleichsam als ein natürliches Sittliche, wozu schon

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - B. Die Gestaltung der Moral 126