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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

und damit für den Menschen ein Unsittliches werden könnte. Auf diesen Gründen allein beruht auch in der christlichen Sittenlehre das Unsittliche des Selbstmordes.
6. Indem die Tugenden in ihrem Inhalte den natürlichen Unterlagen der Lust sich anschliessen, erscheint als die beste Eintheilung derselben die, welche den Ursachen der Lust folgt, wie sie früher (S. 27) dargelegt worden sind. Die Tugenden sind dann 1) Tugenden, welche die Gesundheit und das Wohlsein des Körpers zum Ziele haben, 2) Tugenden, welche das Wissen des Allgemeinen und des Einzelnen als Ziel setzen, 3) Tugenden, welche die Macht und die Ausbildung der Kräfte als Ziel setzen, 4) Tugenden der Ehre, 5) Tugenden der Hoffnung, des Vertrauens, 6) Tugenden zur Erhaltung des Lebens, 7) Tugenden mit der Richtung auf die idealen Gefühle des Schönen und endlich 8) Tugenden der Liebe, welche dieselben Ziele, welche hier unter 1—7 für das eigene Ich gesetzt sind, auch in den Andern verwirklichen. Sieht man von dem Inhalt der Tugenden ab und betrachtet nur den Beweggrund, so ergeben sich die besondern Tugenden des Gehorsams, der Treue, der Frömmigkeit, der Ehrfurcht u. s. w., welche kein Handeln aus Lust zur anfänglichen Unterlage haben, sondern erst mit dem Eintritt des Sittlichen beginnen, und sämmtlich nur Besonderungen des sittlichen Beweggrundes darstellen. Man könnte sie rein ethische Tugenden nennen.
7. Die einzelnen Tugenden, wie sie in den Völkern sich gestaltet haben und unter einen Begriff befasst worden sind, folgen natürlich nicht diesen Eintheilungen nach den elementaren Grundlagen, sondern zeigen, ebenso wie die Vergnügungen eines Volkes, meist eine Verbindung mehrerer elementaren Ziele. So ist die Tapferkeit zugleich eine Tugend der Macht und der Liebe (Vaterlandsliebe), so ist die Mässigung eine Tugend des Wissens und der Vorsorge (Schmerz aus kommendem Schmerz), so ist die Wahrheitsliebe halb eine Tugend der Liebe, halb eine rein ethische Tugend. Die Gerechtigkeit ist die Erfüllung der Rechtspflichten überhaupt, aber aus sittlichen Motiven, nicht aus Zwang. In der Weisheit verbindet sich mit der Tugend des Wissens das allgemeine ethische Motiv, das Sittliche zu verwirklichen.

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - B. Die Gestaltung der Moral 128