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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

nicht. Das Motiv der Moral ist immer die Achtung vor dem sittlichen Gebot; das Handeln aus Lust kann die Moral in einzelnen Gebieten neben sich dulden; allein das sittliche Motiv kann die Lust und also auch die Liebe nicht vertreten oder ersetzen. Würde das Handeln in der Ehe und Familie nur durch sittliche Motive bestimmt, so würden diese Gestalten zerstört werden, weil sie wesentlich auf der Liebe, d. h. auf der Lust aus der Lust des Andern beruhen.
12. So würde ein junger Ehemann sich höchst unglücklich fühlen, wenn seine Frau zwar der Sache nach ebenso handelte, wie eine liebende Frau, aber dies nicht aus Liebe zu ihm, sondern aus sittlichem Gefühle, aus Achtung vor dem Sittengesetz thäte. Dasselbe würde für eine Mutter gelten, deren Tochter durchaus korrekt sich [gegen sie benähme, aber nicht aus Liebe, sondern aus sittlicher Pflicht. Dies zeigt, dass diese Verhältnisse der Liebe nicht entbehren können; dass in dem Motiv der Lust ihr Wesen liegt, und dass das sittliche Motiv vielmehr sie zerstört.
13. Die Moral hat dies auch erkannt und dadurch erledigen wollen, dass sie diese gegenseitige Liebe der Ehegatten und Familienglieder in ihre Gebote aufnahm. Allein die Liebe lässt sich nicht gebieten; sie ist ein Natürliches, was dem blossen Wollen und Sollen nicht unterthan ist. Das Motiv der Liebe kann sich überdem mit dem sittlichen Motiv nicht verbinden; die Zärtlichkeit einer Frau kann nicht zugleich aus Liebe und aus Pflichtgefühl geübt werden; beide Motive sind, wie früher zeigt worden (S. 93), für dieselbe Handlung unvereinbar.
14. Zu dieser Schwierigkeit tritt noch eine andere hinzu. Die Ehe und die Familie hat keinen bestimmten Zweck, wie die Tugenden; ebenso wenig lässt sich ihr Inhalt in wenige bestimmte Handlungen auflösen, wie dies bei Verträgen und bei den Eigenthumsfragen möglich ist. Ehe und Familie umfassen eine unzählige Menge und Mannichfaltigkeit einzelner Handlungen, und sie dienen ebenso der Verwirklichung der verschiedensten Ziele. Dabei kann keine dieser Handlungen, keiner dieser Zwecke als der wesentliche vor den anderen behauptet werden. Deshalb ist eine inhaltliche oder Real-Definition der Ehe

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - C. Die Gestaltung des Privatrechts 141