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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

und der Familie unmöglich. Geschlechtsgemeinschaft, gegenseitige Hülfe, gemeinsames Leben treten wohl als wichtige inhaltliche Momente der Ehe hervor; allein diel Ehe ist doch nicht von ihnen abhängig; sie kann auch ohnedem bestehen. Aehnliches gilt für die Familie.
15. Ehe und Familie sind vielmehr ein Thatsächliches, Gewordenes, wie die Organismen in der Natur. Mannichfache Motive der Lust, vor Allem die Liebe haben dabei gewirkt; das Klima, die Erwerbsmittel, die Lebensweise, das Wissen und die Bildung haben in jedem Volke, in jeder Zeit diesen Gestalten einen anderen Inhalt und 1 Umfang gegeben. Polygamie und Monogamie, lebenslängliche Ehen und willkürlich lösbare, Ehen mit den Oberherrschaft des Mannes und Ehen mit gleicher Stellung beider Theile bezeichnen nur einige der gröbsten Unterschiede. Der Inhalt der Ehe wechselt aber nicht blos nach Ländern und Zeiten, sondern für dieselbe Zeit und Nation nach den Ständen, nach den Individuen, und selbst die Ehe zweier bestimmter Personen wechselt in ihrem Inhalte mit dem Ablauf der Jahre. Aus diesen unterschiedenen Ehen lässt sich wohl ein begrifflicher Bestandtheil aussondern, der in den meisten sich vorfindet; allein dieses Begriffliche wird damit ein so Unbestimmtes und Schwankendes, dass es seine Brauchbarkeit zur Aufnahme in sittliche Gebote verliert.
16. Diese Umstände erklären es, weshalb nicht blos das Recht, sondern auch die Moral in der Darstellung der Ehe und Familie so arm und dürftig erscheint. Sie kann nichts thun, als ihre allgemeinen Tugenden wiederholen und höchstens die stärkere Geltung einzelner für diese besonderen Gestalten hervorheben. Neues kann sie nicht bieten, und doch ist die Ehe und die Familie so unendlich inhaltreich und eigenartig. Selbst die Besonderung der allgemeinen Tugenden nach der eigenthümlichen Stellung der Ehegatten und Familienglieder kommt nicht über wenige allgemeine und unbestimmte Gebote hinaus. Noch viel mehr gilt dieses vom Rechte. Alle Rechtsgesetze für Ehe und Familie haben sich deshalb auf die Bedingungen der Eingehung und Auflösung dieser Gestalten und auf ihre Wirkungen in Bezug auf Vermögen beschränkt; wo mehr geschehen ist, hat es sich als vergeblich, ja schädlich erwiesen.

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - C. Die Gestaltung des Privatrechts 142