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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

17. Recht und Moral können daher die Ehe und Familie durch ihre Gebote wohl verfälschen und verderben, aber nicht hervorbringen und darstellen: Recht und Moral können wohl einzelne Seiten dieser Gestalten durch das sittliche Moment verstärken, aber sie können nie den Inhalt dieser Gestalten erschöpfen. Diese bleiben wesentlich das Erzeugniss der Lust und der Triebe, in Anwendung auf die besonderen Verhältnisse des Landes und Volkes; ihr Inhalt ist wesentlich das Glück und die Liebe der Zugehörenden-, Moral und Recht können hier nur an einzelnen Stellen und nur mit Vorsicht unterstützend eintreten. Nicht die Ethik, sondern nur das Leben und die Kunst vermag die Ehe und Familie darzustellen.
18. Damit fällt das Meiste von dem, was die Systeme der Moral und des Naturrechts aus dem Begriffe der Ehe und Familie für deren Inhalt ableiten. Indem schon ihre Begriffe als ein Willkürliches und Gemachtes erscheinen, bei dem nach der Individualität des Darstellenden der Schwerpunkt bald da- bald dorthin verlegt ist, können diese Deduktionen keine Gültigkeit haben. Insbesondere ist die Ehe kein Vertrag. Ihre thatsächliche Entwickelung unter bestimmten Personen kann nie durch Vertrag geregelt werden; solche momentane Uebereinstimmung des Willens beider Theile reicht für das ganze Leben und seine Stürme nicht aus; selbst wenn der Staat hier volle Freiheit gestattete, würden solche Verträge keine Bedeutung gewinnen und die Natur des Instituts nicht ändern. Die Bereitwilligkeit, sich zu heirathen, ist noch kein Vertrag; in der Regel wissen die Brautleute selbst am wenigsten, was sie unternehmen, und kennen die Bedeutung des Instituts, in das sie eintreten wollen, nicht. Auch hat es Völker und Zeiten gegeben, wo die Brautleute oder die Braut gar nicht gefragt wurden, wo die Eltern für sie die Wahl trafen, ohne dass die Ehe darunter gelitten hätte. Auf dem Lande sind Ueberbleibsel solcher Sitte noch gegenwärtig selbst bei den Kulturvölkern häufig anzutreffen.
19. Wegen dieser Natur der Ehe und Familie kann auch das Recht nur verhindernd und verbietend dabei eintreten; es kann bestimmen, welche Personen keine Ehe eingehen dürfen; aber die positiven Bedingungen der

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - C. Die Gestaltung des Privatrechts 143