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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

ihnen Untergebenen verstärken. Wenn dies geschieht, so fühlen sich die Untergebenen auch gegen die Autoritäten selbst sittlich verpflichtet; die zunächst blos physische Macht der Autoritäten hat damit in der Achtung der Untergebenen auch eine sittliche Unterlage erhalten und die Natur von Rechten angenommen. Da jedoch die Autoritäten sich nicht selbst gebieten können, so können auch nur Rechte, aber nie Pflichten aus ihren Geboten für sie entstehen. Dieser wichtige Grundsatz macht sich überall im öffentlichen Recht geltend, und nur wenn man ihn sich stets gegenwärtig hält, können die hierher gehörenden Gestalten der sittlichen Welt verstanden werden und die Wissenschaft mit der Wirklichkeit in Uebereinstimmung bleiben.
2. Die Gestaltungen des öffentlichen Rechts sind hauptsächlich der Staat, die Kirche und die Verbindungen, welche sich zwischen verschiedenen Staaten, so wie zwischen Staat und Kirche entwickeln. Dagegen gehören weder die Gemeinde, noch die Verbindungen und Gestaltungen für Kunst und Wissenschaft und ähnliche Zwecke zu dem öffentlichen Recht; weil diese Verbindungen nur von einzelnen dem Recht Unterworfenen ausgehen, und sie nie jene übergrosse Macht und Gewalt erreichen, wie sie zu dem Begriffe der Autorität erforderlich ist.
3. Es ist deshalb irrig, wenn Schleiermacher die Kunst und die Wissenschaft dem Staate ebenbürtig zur Seite stellt und seinen Geboten entziehen will. Kunst und Wissenschaft gehören dem natürlichen Gebiete des Handelns aus Lust an (Lust aus dem Wissen; Lust aus dem Schönen). So wie nun das Gebot der Autoritäten über jedes andere Gebiet des Lebens bis in die innersten Gedanken sich erstrecken kann, so auch über das Handeln, was sich der Kunst oder Wissenschaft zuwendet, und indem die Autoritäten für dieses Handeln Gebote erlassen, wird es damit sittlich beschränkt. Die Freiheit der Wissenschaft, die künstlerische Thätigkeit kann darunter leiden; allein da das sittliche Gebot das höchste für den Menschen ist, und alle anderen Ziele sich ihm unterordnen, so gilt dies auch für die Kunst und Wissenschaft. Es kann sein, dass der Fortschritt der Wissenschaft und die Erkenntniss der Wahrheit dadurch ge-

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - D. Die Gestaltung des öffentlichen Rechts 145