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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

seiner Ziele und die Mannichfaltigkeit seines inneren Lebens nicht erschöpfen. Man kann nur einzelne Bestimmungen herausgreifen und giebt dann nicht das Ganze; oder man muss sich in so unbestimmten und allgemeinen Merkmalen halten, dass die Definition allen Werth und Inhalt verliert. Am meisten müssen jene Definitionen die Wahrheit verfehlen, welche meinen, den Staat mit sittlichen Bestimmungen erschöpfen zu können. Vielmehr ist der Staat, wie alle Gestalten des öffentlichen Lebens gerade dadurch von denen der Moral und des Privatrechts unterschieden, dass bei ihm Moral und Recht nur an untergeordneten Stellen eintreten, und im Uebrigen der Staat nur eine natürliche, aus der Lust und dem Wohle hervorgegangene und nur ihr dienende Gestaltung darstellt.
31. Diese Ansicht steht allerdings mit der Lehre Systeme und mit der öffentlichen Meinung in Widerspruch. Letztere stützt sich dabei auf die in dem sittlichen fühl enthaltene unbedingte Geltung des Sittlichen Alles; die Systeme stützen ihren Widerspruch auf das sachliche Prinzip (Idee, allgemeiner Wille, Vernunft) aus welchem das Sittliche abfliessen und deshalb alles Handeln umfassen soll. Beide Auffassungen sind bereit oben gewürdigt; es bleibt deshalb nur übrig, zu zeigend dass die hier entwickelte Ansicht nicht die Gefahren und Revolutionen in sich trägt, welche man ihr entgegenhalten kann. Zunächst lehrt die Geschichte, dass auch die Ansicht von der Heiligkeit des Staates und der unbedingten Geltung des Rechts für Alle nicht vermocht hat, die inneren Kämpfe, Revolutionen und Staatsstreiche zu hindern, welche in allen Jahrhunderten die Staaten erschüttert haben. Die Hülfe des Rechts, welche jene Systeme bieten, ist deshalb thatsächlich nicht hoch anzuschlagen. Umgekehrt bieten die thatsächlichen Verhältnisse, auf welche der Staat hier zurückgeführt worden ist, in sich eine Menge Bürgschaften, welche jenes vermeintliche Chaos, was man davon befürchtet, abzuhalten besser geeignet sind, wie das Recht.
32. Dahin gehört zunächst das Dasein mehrerer Autoritäten; damit ist jede einzelne in dem schrankenlosen Gebrauche ihrer Macht gehemmt. Der fürstlichen Gewalt tritt nicht blos das Volk, sondern auch die Autorität der Kirche entgegen; dadurch ist selbst die Despotie

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - D. Die Gestaltung des öffentlichen Rechts 158