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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

fassungen, und nicht in den Eidschwüren und Feierlichkeiten; und nicht in der Meinung, dass Fürst und Volk dadurch rechtlich gebunden seien. Diese Schutzmittel des Rechts zerbrechen vielmehr wie Glas, sobald die Machtverhältnisse sich geändert haben; umgekehrt sind sie ein betrügerischer und gefährlicher Schein, wo diese Aenderung noch nicht eingetreten ist.
35. Dazu kommt, dass diese Veränderungen in den Machtverhältnissen der Autoritäten nur sehr langsam und allmählich vor sich gehn. Generationen und Jahrhunderte schwinden, ehe die Aenderung erheblich wird. Sie ist von der grössern Ausbreitung des Wissens, von der Steigerung der Macht des Menschen über die Natur, den Veränderungen in der Empfänglichkeit der Völker bedingt, und diese Faktoren verändern sich selbst in der Neuzeit so langsam, dass die Grundlagen der Staaten noch eine Festigkeit und Dauer in sich haben, welche auch ohne Rechtsschutz willkürliche Verfassungsänderungen verhindert.
36. Eine fernere Bürgschaft bietet die Grösse der modernen Staaten im Vergleich zu den Staaten des Alterthums. Man hat vielfach erkannt, dass eine gewisse Grösse für den Begriff des Staates nicht entbehrt werden könne. Allein wenn der Staat nur eine sittliche Anstalt ist für die Ziele des Rechts und Wohles, so ist dieser rein thatsächliche Begriff der Grösse schwer zu begründen. Ist dagegen der Staat eine Verbindung der Autoritäten, so folgt diese Grösse aus dem Begriffe der Autoritäten von selbst. Diese können keine für den Einzelnen unermesslich grosse Macht darstellen, welche ihn mit Ehrfurcht erfüllt, wenn nicht der Staat die entsprechende Grösse und Machtmittel besitzt. Deshalb zeigen im Alterthum nur die orientalischen Staaten und später das römische Kaiserreich einen dauernden Bestand; dagegen wurden die kleinen Staaten Griechenlands, Italiens, Kleinasiens fortwährend von innern Kämpfen zerrissen, weil sowohl dem Volke wie der fürstlichen Gewalt dieser kleinen Staaten jene übergrosse Macht fehlte, welche den Bürger mit Ehrfurcht und Gehorsam erfüllt. Fürst und Volk standen da dem Einzelnen zu nahe, waren für die Mächtigen im Volke nicht stark und erhaben genug, um die Achtung und das Sittliche in ihnen voll zu er-

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - D. Die Gestaltung des öffentlichen Rechts 160