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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

geln, welche nur für das Handeln der Einzelnen berechnet sind und für das Handeln des Staates nur dürftige Anhalte bieten; ferner die eigenthümliche Natur des Volkes als solchem, bei dem das Gebot der christlichen Liebe sein Handeln nie so bestimmen kann, wie dies bei dem Einzelnen gefordert wird; der starke Reiz des Ruhmes und der Macht gegenüber den Motiven der Moral; Alles dies bringt diesen Einfluss der Moral auf das Handeln der Autoritäten auf ein so niedriges Maass herab, dass es kaum zu bemerken ist und bei allen bedeutendern Unternehmen gegen die Motive des Nutzens verschwindet. Nur in dem Privatleben des Fürsten hat das Sittliche eine etwas stärkere Bedeutung gewonnen.
40. Die hier gebotene Lehre vom Staate findet an dem wirklichen Handeln der Staatsmänner aller Zeiten ihre Bestätigung; das Wohl, die Ehre, die Selbstständigkeit des Staates werden in jedem Staatsakt, in jeder Thronrede, in jeder Kriegserklärung heute wie vor Jahrhunderten und Jahrtausenden offen und frei als die entscheidenden Beweggründe des staatlichen Handelns verkündet, und die öffentliche Meinung stimmt dem bei. Das Wohl, die Ehre, die Existenz sind aber nur Beweggründe der Lust, nicht des Rechts. Auch alle Schriftsteller und Gelehrte, welche dem Leben oder Staate näher standen, haben die hier vorgetragenen Grundsätze als die richtigen hingestellt, und wo sie geirrt haben, trifft der Irrthum nur die Fassung und die Begründung jener Sätze.
41. Schon die Römischen grossen Juristen hatten die Regel: Princeps legibus solutus est, und diese Regel ist von ihnen nicht erst aus der despotischen Form des Kaiserreichs abgeleitet. Ebenso erklärt der gemässigte Bodinus (De republica. 1584) die Majestas (Autorität) für eine von den Gesetzen gelöste Gewalt.
42. Dasselbe lehrt bekanntlich Mucchiavelli in seinem „Fürsten". Man hat Macchiavelli zwar in der Theorie bekämpft, allein die Praxis der Staaten hat seine Lehren immer eingehalten; man ist nur in den Mitteln jetzt milder geworden, weil bei der veränderten Empfänglichkeit und Bildung jetzt mildere Mittel zureichen. Wenn seine Lehre verletzt, so kommt dies nur von der Kleinheit der Staaten und Fürsten, auf die er sie anwendet. Indem solche kleine Staaten in ihren Völkern und Fürsten

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - D. Die Gestaltung des öffentlichen Rechts 162