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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

nicht jene übergrosse Macht darstellen, welche zur Natur der Autorität gehört, sinken sie zu Einzelnen, dem Sittlichen Unterworfenen herab, und es ist natürlich, dass bei solchen das sittliche Gefühl sich empört, während man die ähnlichen Thaten Alexanders oder Karl's des Grossen gar nicht unter dem Gesichtspunkte des Sittlichen auffasst, weil ihre erhabene Stellung sie schon instinktiv darüber erhebt. Nach Hobbes ist der Fürst die alleinige Quelle des Rechts und der Moral-, Alles, was er gebietet, ist Recht; er selbst steht über dem Recht. Auch nach Kant (Rechtslehre) hat der Herrscher nur Rechte, keine Pflichten.
43. Die hier aufgestellte Ansicht vom Staat findet ferner ihre Bestätigung in der neuern Richtung, welche den Staat nur als ein Naturprodukt betrachtet und aus den Beweggründen der Lust und Klugheit allein abzuleiten unternimmt. Daher die Bücher über die Physiologie des Staates; daher die Richtung, welche Comte in Frankreich und Buckle in England mit so vielem Erfolg eingeschlagen haben. Schon Locke und Montesquieu haben hier vorgearbeitet. Der Werth von des Letzteren ,,Geist der Gesetze" liegt wesentlich in der Ableitung des Staates und seiner Formen aus dem Natürlichen.
44. Eine letzte Bestätigung dieser Ansicht liegt endlich in der Ausnahme-Stellung der sogenannten politischen Verbrechen. Anstatt dass diese nach der Konsequenz der entgegengesetzten Ansicht, als die schwersten, mit den härtesten Strafen geahndet werden müssten, findet vielmehr das Gegentheil statt, und zwar unter Beistimmung der öffentlichen Meinung. Dies ist nur verständlich, wenn der Staat, als eine Verbindung der Autoritäten, ausserhalb des Rechtsgebietes steht. Der Einzelne, als solcher, ist dem Staate sittlich verbunden; allein da bei den politischen Verbrechen der Einzelne nicht in seinem Interesse, sondern in dem des Volkes oder Fürsten, wenigstens nach seiner Meinung, handelt, so erscheint der politische Verbrecher als Mandatar oder Geschäftsführer einer über dem Rechte stehenden Autorität und nimmt deshalb in einem gewissen Maasse an deren Straflosigkeit Theil. Dies gilt auch für die Anklagen der Minister und ihre Verantwortlichkeit. Wenn trotzdem eine Strafe verhängt wird, so hat sie mehr die

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - D. Die Gestaltung des öffentlichen Rechts 163