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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

Natur einer Selbstvertheidigung der angegriffenen Autorität, als die des verletzten Rechtes; deshalb die Milde welche die öffentliche Meinung dafür fordert, und deshalb die häufigen Begnadigungen solcher Verbrecher, sobald die Selbstvertheidigung nicht mehr erforderlich erscheint.
45. Weil der Staat in seinen wichtigsten Bestimmungen und Thätigkeiten aus einem sachlichen und unbedingten ethischen Prinzip nicht abgeleitet werden kann, sind die bisherigen Systeme und die ihnen folgende öffentliche Meinung zu den sonderbarsten Aushülfen genöthigt, um ihr Prinzip mit den Thatsachen in Uebereinstimmung zu erhalten. Hierher gehören die Unterscheidungen zwischen formalem und materialem, so wie zwischen höherem und. niederem Recht; ferner die Unterordnung des Rechts unter das Wohl des Volkes, unter die Nothwendigkeit der Thatsachen, unter die herrschenden Ideen und den sogenannten Geist der Zeit. Mit diesen Phrasen werden die Umgestaltungen der Staaten, die gewaltsamen Verjagungen von Fürsten, der Umsturz von Verfassungen, die Eroberung und Annektirung selbstständiger Länder gerechtfertigt.
46. Die Begründungen der seit 1866 in Norddeutschland eingetretenen staatlichen Veränderungen geben zahlreiche Belege hierzu; Könige und Parlamente, die Tages-; literatur und die Wissenschaft benutzen diese Aushülfen, um damit das Prinzip des Rechts auch für diese Gewaltthaten zu bewahren. Gegenüber den hier entwickelten Grundsätzen erscheinen diese Aushülfen als leere Phrasen, die nur die falsche Folge eines falschen Prinzips sind. Dehnt man das Gebiet des Sittlichen nicht auf das Handeln der Autoritäten aus, so bedarf es solcher Aushülfen nicht; deren Handeln kann dann überhaupt nur nach seiner Naturseite betrachtet werden. Geschieht dies, so kann das wahre Recht dabei nur gewinnen. Es wird dann zwar sein Gebiet beschränkt, aber dafür bleibt auch in diesem Gebiete seine Hoheit und Heiligkeit unangetastet.
47. Wenn der Staat dem energischen Handeln der Autoritäten seinen Ursprung verdankt, so erhellt, dass seine Verfassung nicht das Höchste oder der Zweck ist, sondern nur das Mittel für die Ziele der Autoritäten. Die Verfassung gleicht den Knochen und Sehnen des menschlichen Körpers, welche ihm zwar den Halt geben,

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - D. Die Gestaltung des öffentlichen Rechts 164