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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

lassen; auch treten hier die Autoritäten unmittelbar als handelnd auf, und es sind auch deshalb die Gesetze hier nicht am Orte. Darum ist dieses Handeln das freie genannt worden. Es bestimmt sich lediglich nach den Motiven des Nutzens, und die Wissenschaft dieses Handelns, die Politik, ist keine Wissenschaft des Rechts, sondern nur der Klugheit.
55. Dem Staate steht die Kirche gegenüber; jener ist eine Verbindung des Fürsten mit dem Volke; diese eine Verbindung des Stellvertreters Gottes mit dem Volke. In jeder Religion entwickelt sich die bevorrechtete Stellung des Priesters ; er gilt als Der, welcher der Gottheit am nächsten steht und ihren Willen am deutlichsten erkennt. Wenn die Religion sich ausbreitet, erheben sich unter den Priestern Einer oder Einige, auf welche dieser Vorzug in höherem oder ausschliessendem Maasse übergeht, und welche damit die Autorität Gottes für die Gläubigen auf Erden vertreten. Die Machtmittel dieser Autorität können sehr bedeutend sein; sie ruhen auf der Stärke des Glaubens und der Ehrfurcht vor Gottes Willen, auf dem Lohne und der Strafe, welche in jener Welt dem irdischen Handeln zu Theil werden, und auf den irdischen Mitteln des Besitzes, des Reichthums, der Gewalt, welche die geistliche Autorität ebenso wie die weltliche allmählich erlangt.
56. Wo daher diese Mittel in genügendem Maasse vorhanden sind, kann die Kirche, als die Verbindung der geistlichen Autorität mit dem Volke, die Zwecke, welche man gewöhnlich nur durch den Staat für erreichbar hält, ebenso wie dieser verwirklichen. Das Recht und das Wohl der Einzelnen kann ebensowohl durch die Kirche wie durch den Staat geschützt werden; auch kann die Kirche gegen äussere und innere Feinde ebenso energisch handeln wie der Staat, und es erhellt damit, dass bei einer solchen Gestaltung der Kirche der Staat entbehrt werden kann. In den strengen Theokratien, von denen die Geschichte berichtet, hat sich dies verwirklicht. Man kann zwar die Theokratie auch als eine Verbindung von Staat und Kirche nehmen, wo die fürstliche und die geistliche Autorität durch dieselbe Person vertreten wird; doch bedarf es dieser Auffassung nicht, wenn man festhält, dass die geistliche Autorität für ihr irdisches Han-

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - D. Die Gestaltung des öffentlichen Rechts 168