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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

geistlichen Autorität oder des Volkes gestaltet sich die Verfassung der Kirche monarchisch oder republikanisch. Letztere Form wird in den Lehrbüchern mit dem Kollegialsystem, erstere mit Episcopalsystem bezeichnet. Der gemässigten Monarchie entspricht die Synodalverfassung. Es kann hier auch eine ähnliche Theilung der Gewalten wie bei dem Staate eintreten. Die niederen Priester stellen die Beamten dar. Ebenso sondert sich das Handeln der Kirche in ein Verwalten und in ein freies Handeln. Es besteht auch für die Kirche ebenso wenig ein bestimmter Zweck, wie für den Staat. Nach der Religion scheint es, als sei die Kirche nur auf die innern Ziele der religiösen und sittlichen Gesinnung der Gläubigen beschränkt; allein da die kirchliche Autorität eine erhabene Macht ist, so lässt sie sich dadurch nicht einengen, und die Kirche kann, wie die Geschichte lehrt, sich auch äussere Ziele aller Art setzen und verfolgen.
61. Jede Spaltung in dem Glauben muss nothwendig die Macht der Kirche erschüttern. Deshalb ist ein Staat, wo die Angehörigen verschiedenen Konfessionen zugethan sind, den in ihm bestehenden Kirchen überlegen; umgekehrt hat die katholische Kirche, welche eine Einheit der Gläubigen auf der ganzen Erde darstellt, damit von selbst ein Uebergewicht gegen die vielen Staaten, die ihr gegenüberstehen. Wenn dieses Uebergewicht in der Gegenwart nicht mehr in dem früheren Maasse besteht, so ist dies nur Folge des gesunkenen Glaubens. Das religiöse Gefühl beherrscht den Menschen jetzt nicht mehr so überwiegend wie im Mittelalter, und damit ist auch die Macht des Papstes gesunken.
62. Man meint gegenwärtig in dem Satze: »Die freie Kirche in dem freien Staat die Lösung für die Kollisionen zwischen beiden gefunden zu haben; allein diese Lösung ist in Wahrheit keine, sondern nimmt nur für die Gegenwart den Schein einer solchen an, weil die Kirche dem Staat gegenüber in ihrer Macht gesunken ist. In diesem Ausspruche liegt, dass die Kirche, wie die Vereine für Kunst, Wissenschaft und andere Zwecke des Lebens, dem Staate, als souveräner Macht, zwar unterworfen sind, aber dass der Staat der Kirche wie jenen andern Vereinen eine freie Bewegung innerhalb ihrer gestattet,

 

VI. Die Gestaltung der sittlichen Welt - D. Die Gestaltung des öffentlichen Rechts 170