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Von Kirchmann Die Grundbegriffe Des Rechts Und Der Moral

Natur es keine köhere Natur über die daseiende Natur giebt, ebenso wenig giebt es kein höheres Sittliche, was über dem daseienden Sittlichen stände und den Maassstab für dessen Beurtheilung und Fortbildung abgeben könnte. Wenn kein sachliches Prinzip für das Sittliche besfeht, wenn es nur aus den Geboten der Autoritäten für die davon Betroffenen entspringt, so kann neben diesem Sittlichen kein zweites als ein höheres oder natürliches oder vernünftiges bestehn. Die Begründer des Naturrechts, Grotius und Andere, haben es aus den Trieben des Menschen und deren vernünftiger Ausgleichung abgeleitet; allein eine solche Grundlage führt nur zu dem Zweckmässigen und Nützlichen, aber nicht zu dem Sittlichen.
5. Die Kritik des bestehenden Rechts und der geltenden Moral ist deshalb der Wissenschaft des Sittlichen unmöglich. So wenig wie die Naturwissenschaft eine Kritik der Pflanzen und Thiere unternimmt oder eine Musterpflanze aufstellt, so wenig kann es die Wissenschaft mit den Gestalten der sittlichen Welt. Es fehlt ihr dazu die Grundlage. Will sie die daseienden (positiven) Gebote nicht gelten lassen, so hat sie keine Basis, als den Nutzen und das Wohl. Allein das Sittliche kann damit nicht angegriffen werden; seine Hoheit liegt gerade in seiner Stellung über dem Nützlichen, und diese Stellung wird von jenen Systemen ausdrücklich anerkannt.
6. Wenn dessenungeachtet diese Kritik so beliebt ist und täglich in den Zeitungen und Brochüren, in der Unterhaltung und in wissenschaftlichen Büchern geübt wird, so ist dies keine Widerlegung des obigen Satzes, sondern vielmehr eine Bestätigung der hier gegebenen Begründung alles Sittlichen überhaupt. All diese Kritik stützt sich auf den Nutzen und das Wohl. Dieser Standpunkt wäre unmöglich, wenn das Sittliche aus einem selbstständigen sachlichen Prinzip abflösse. Wenn es dagegen aus den Geboten der Autoritäten seinen Ursprung nimmt, welche über dem Sittlichen stehn und in ihren Geboten nur die Lust und den Nutzen vor Augen haben, so ist diese Kritik wohl berechtigt. Aber sie gehört nicht in die Wissenschaft des daseienden Sittlichen, sondern sie stellt sich auf den Standpunkt der Autoritäten.

 

VII. Die Wissenschaft des Sittlichen - A. Die Natur der Wissenschaft des Sittlichen 175